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Gedächtnis

Gedächtnis

 

Definition: Gedächtnis ist die Fähigkeit des Organismus, Informationen speichern und abrufen zu können.

In der früheren Gedächtnisforschung wurden die Gedächtnisprozesse weitgehend als ein passives Registrieren von Informationen verstanden. Die Wiedergabe von Gedächtnisinhalten wurde über assoziative Prinzipien erklärt. (Mit assoziativen Verknüpfung sind Verbindungen von Inhalten aufgrund von Ähnlichkeitsmerkmalen, Kontrasten, zeitlichen, räumlichen Zusammenhängen usw. gemeint.)

In der heutigen Gedächtnisforschung wird betont, dass Gedächtnisprozesse auch aktive Bearbeitungsprozesse darstellen.

Der Abruf von Informationen (die Abfrage von Gedächtnisinhalten) kann erfolgen über

  • ein Wiedererkennen (z.B. wird, nachdem ein Wortliste vorgelesen wurde,gefragt, ob die Wörter x, y in der Liste vorkamen)

  • ein Reproduzieren (die Wörter der vorgegebenen Wortliste sollen ohne weitere Hilfen genannt werden)

 

 

Gedächtnismodelle:

  • frühes Modell:

Das Gedächtnis wird unterteilt in ein Kurzzeitgedächtnis (KZG) und ein Langzeitgedächtnis (LZG). Im Kurzzeitgedächtnis können bis zu sechs Items (Gedächtnisinhalte) gleichzeitig behalten werden. Durch den Prozess des rehearsal (innerliches Wiederholen) werden die einzelnen Items vom Kurzzeitgedächtnis in das Langzeitgedächtnis übertragen.

  • Mehrspeicher-Modell von Atkinson und Shiffrin

Das Gedächtnis wird aufgeteilt in ein Sensorisches Register (SR), einen Kurzzeitspeicher (KZS) und einen Langzeitspeicher (LZS).

   

                  SR    - via Kontrollprozesse →  KZS - via Kontrollprozesse → LZS

 

Im Sensorischen Gedächtnis werden die eintreffenden Informationen reiznah, d.h. wie der Mensch sie durch seine Sinnesorgane wahrnimmt, registriert und für maximal 1,5 Sekunden zur Verfügung behalten. Die Speicherkapazität ist nahezu unbegrenzt. Je nach Sinneskanal unterscheidet man unterschiedliche Sensorische Register, z.B. ein ikonisches Register für visuelle Informationen und ein Echoregister für akustische Informationen. Durch Kontroll- und Steuerungsprozesse wird ein Teil der Information in den Kurzzeitspeicher übertragen. Im Kurzzeitspeicher können bis zu sechs Sinneinheiten (auch chunks genannt) gespeichert werden. Die Speicherdauer beträgt ca. 1 Minute. Durch weitere Kontroll- und Steuerungsprozesse können dann Informationen in den Langzeitspeicher übertragen werden. Für die Speicherkapazität und die Speicherdauer des Langzeitspeichers nimmt man an, dass sie nahezu unbegrenzt ist.

 

  • Levels of processing (Prozessebenen-Ansatz) - von Craik und Lockhardt

Bei diesem Modell werden keine unterschiedlichen Speicher für die Gedächtnisprozesse angenommen. Die Gedächtnisspuren entstehen durch eine Abfolge oder Hierarchie von Verarbeitungsprozessen. Je nach der Verarbeitungstiefe werden die Gedächtnisspuren stärker. Eine niedrige Verarbeitungstiefe erfolgt bei einer lediglich sensorischen Verarbeitung (z.B. nur Items hören - ohne weitere Verarbeitung). Eine tiefe Verarbeitungstiefe wird durch eine semantisch-kognitive Verarbeitung erreicht (z.B. Inhalte verstehen, Zusammenhänge erschließen usw.).

 

 

Kontroll- und Steuerungsprozesse

 
Für die Aufnahme von Informationen in das Kurzzeitgedächtnis sind u.a. Aufmerksmkeitsprozesse zuständig. Über folgende Kontroll- und Steuerungsprozesse werden Informationen vom Kurzzeitspeicher zum Langzeitspeicher übertragen:
 

  • Wiederholung

  • Kodierung(Veränderung und Umwandlung von Informationen in sinnvolle Einheiten (in chunks))

  • Elaboration (tiefe, gründliche und ausführliche Verarbeitung von Informationen)

  • Organisation (Gliederung und Ordnung der Information, z.B.: nach subjektiven Ordnungen, nach Hierarchien)

 

 

Kontexteffekte

Beim Abruf von Gedächtnisinhalten können Kontextabhängigkeiten festgestellt werden, d.h. Gedächtnisinhalte werden dann besonders gut erinnert, wenn die Abrufsituation der Lernsituation möglichst ähnlich ist. Dabei besteht eine Kontextabhängigkeit von äußeren Kontexten (z.B. Umgebung) und von inneren Zuständen (z.B. emotionales Erleben). Kontextabhängigkeiten sind vor allem für das Reproduzieren bedeutsam.

 

 

Gedächtnishemmungen

Gedächtnishemmungen sind Bedingungen, die das Speichern und Behalten von Informationen be- bzw. Verhindern. Man unterscheidet verschiedene Arten von Hemmungen, z.B.:

  • proaktive Hemmung (Die Erinnerung an den vorangegangenen Lernstoff beeinträchtigt das Lernen des neuen Lernstoffs.)

  • retroaktive Hemmung (Der gerade gelernte Lernstoff kann das Behalten des vorausgegangenen Lernstoffs beeinträchtigen.)

  • Ähnlichkeitshemmung (Bei nacheinander gelernten, ähnlichen Lerninhalten können sich die einzelnen Lerninhalte miteinander vermischen.)

  • Gefühlshemmungen (Starke Gefühle wie Schmerz, Angst, Freude, können das Lernen blockieren.)

Um Lern- und Gedächtnishemmungen zu vermeiden, ist es daher sinnvoll, mit Pausen und sich abwechselnden Lernstoff zu lernen.

 

 

Behalten und Vergessen

Die Behaltensleistung (der im Langzeitspeicher gespeicherten und abzurufenden Information) ist abhängig von

  • dem Prozess der Informationsspeicherung (Wiederholung, Kodierung, Elaboration, Organisation)

  • der Methode, nach der gelernt wird (Gedächtnisstrategie,Gedächtnishemmung)

  • dem Lernstoff, der gelernt wird (einsichtig, gegliedert, anschaulich...)

  • der physischen und psychischen Verfassung des Lernenden (Krankheit, Ängste, Gefühle ...)

  • derMotivation des Lernenden

  • derArbeitsumgebung, in der man lernt (z.B. ablenkende Reize,Kontexteffekte ...)

 

Informationen, die am Anfang oder am Ende einer Informationskette stehen, werden besonders gut behalten. Man spricht hierbei von primacy-(Erst-)und recency-(Letzt-)Effekten. Der primacy effect ist auf Prozesse des Langzeitspeichers zurückzuführen. Der recency effect, der nur bei sofortigem Wiederabruf auftritt, ist auf Prozesse des Kurzzeitspeichers zurückzuführen.

 

 

Gedächtnisstrategien:

Gute Gedächtnisleistungen hängen wesentlich mit den verwendeten Gedächtnisstrategien zusammen. Folgende Techniken helfen, die Gedächtnisleistungen zu verbessern:

  • Enkodierungstechniken

Items verknüpft. Die Verarbeitungstiefe wird verstärkt, wenn nicht nur eine oberflächliche Bearbeitung nach äußeren Erscheinungsmerkmalen (z.B. nach Wortklang, Schreibweise), sondern eine Den Items werden bestimmte Eigenschaften, Merkmale zugeordnet, oder sie werden mit anderen semantische Verarbeitung (nach Sinnverstehen ) erfolgt.

  • Organistionstechniken

z.B. - Verkettungsmethode

- Geschichte erzählen

- Aufhänger-Methode (Items werden an übergelernte Reizworte „aufgehängt“)

  • Schlüsselwortmethode

Die Methode funktioniert nach dem Prinzip der Eselsbrücken. Man baut sich beim Vokabellernen z.B. akustische oder visuelle Hilfsbrücken.

 

Literatur:

Vergleiche: 

Bredenkamp, J. & Wippich, W. (1977). Lern- und Gedächtnispsychologie, Bd. 1 und 2 . Stuttgart: Kohlhammer

Wippich, W. (1984). Lehrbuch der angewandten Gedächtnispsychologie, Bd. 1 . Stuttgart: Kohlhammer

Wippich, W. (1985). Lehrbuch der angewandten Gedächtnispsychologie, Bd. 2. Stuttgart: Kohlhammer.

   Die Bücher stellen allgemeine Lehrbücher da. in den Bücher werden auch quellenangbane zu den oben genannten Modellen aufgeführt