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Trotz

Trotz

 

Trotz: Jeder kennt ihn und weiß, was es damit auf sich hat - ein allbekanntes Verhalten!

Schaut man jedoch in die psychologische und pädagogische Fachliteratur, - und hierbei kann man sowohl in Fachbücher der früheren DDR und des früheren Westdeutschland sowie die des heutigen Gesamtdeutschland nachschlagen - so findet man meist nichts zum Stichwort „Trotz“ oder nur kurze Abschnitte eingebunden in andere Themen. Weiß die Wissenschaft also mal wieder nicht, um was es gehti?

Weiter stellt man fest, dass Trotz scheinbar nur ein Thema in der Erziehung in einigen Ländern ist, in anderen Ländern scheint er nicht als Problem aufzutauchen. So werden in Bali, Italien als auch in der USA gar nicht oder nur selten von Trotzanfällen berichtet.

Woran liegt es? Ich möchte sagen, Trotz ist auch ein kulturelles und erzieherisches Problem; vor einigen Jahren hätte man vielleicht auch gesagt, ein ideologisches. Je nachdem wie die Entwicklung des Kindes bewertet und begleitet wird, kann Trotz zum Problem werden oder auch eben in den meisten Fällen nicht.

Aber jetzt möchte ich erst einmal etwas näher beschreiben, was unter Trotz verstanden wird.

Trotz ist von der Wortgeschichte (Etymologie) her mit dem Wortstamm „trutz“: sich wehren verwandt. In Wörterbücher kann man Erklärungen für Trotz finden wie: „Seelische Abwehrhaltung gegenüber fremder Autorität, häufig mit Affektausbrüchen (Wut) verbunden“.

In der Literatur werden zwei Trotzphasen unterschieden. Die erste Trotzphase liegt im Alter von ca. 2 - 5 Jahren, die zweite Phase liegt in der Vorpubertät von ca. 12-15 Jahren. (Die Altersangaben schwanken hierbei je nach Autor etwas).

 

Das erste Trotzalter

In den folgenden Ausführungen möchte ich mich auf das sogenannte erste Trotzalter beschränken.

Für Trotzanfälle in diesem Alter gibt es meist vier wesentliche Auslösemomente:

  1. Einmischung in körperliche Betätigung des Kindes

  2. Umstellung der gewohnten Ordnung

  3. Wegnahme oder Verweigerung gewünschter Gegenstände

  4. Durchkreuzen eines kindlichen Plans.

 

Wie ist der Trotz in diesem Alter nun zu verstehen und erklärbar?

Zwei miteinander verwandte Erklärungsmuster sind hierbei von Bedeutung:

  • Eine Ursache des Trotz liegt in der sich entwickelnden Denkfähigkeit, die jedoch noch beschränkt ist.
    Ein Beispiel hierzu aus der Praxis:

    Nehmen Sie an, Sie lernen gerade Autofahren, und haben endlich für sich einen Weg gefunden, Kupplung und Schaltung angemessen zu betätigen, und dann käme jemand mitten im Fahrstress, der ihnen erklärt, sie sollen es jetzt ganz anders machen. Wie würden Sie indieser Situation reagieren? Sicher nicht immer ruhig und gelassen ... Und als Erwachsener haben Sie mehr Kontrollfähigkeiten als ein Kleinkind.
    Ähnlich wie in dem Beispiel ist es beim Kleinkind. Es lernt in dem Alter erste logische Beziehungen zu verstehen, Ursachen zu erfassen und kann bereits für manche Aufgaben Lösungen finden. Es weiß aber noch nicht, dass sein Weg nur einer unter vielen möglichen ist. Seine Zielplanung ist noch starr. Fordern Sie von ihm einen andern Weg,kann es erst mal nicht begreifen, dass er zum Erfolg führen kann. Es hat auch nur ein beschränktes Verständnis für Zeitabschnitte. Es versteht häufig, wenn Sie „später“ oder „nachher“ sagen, „nie“. Erst im Alter von 6 bis 7 Jahren, lernen Kinder verschiedene Perspektiven und Dimensionen zu vereinbaren, gibt es für sie nicht mehr nur ein hartes Entweder-Oder.

  • Das Aufkommen des sogenannten Trotz ist auch als eine Entwicklung des Ich-Bewußtseins zu verstehen. Die Kleinkinder entdecken in dem Alter das eigene Ich. Das eigene Spiegelbild beginnt zu faszinieren. Sie haben nun den Wunsch, Tätigkeiten selber machen zu wollen. Sie beginnen zu planen, fassen Entschlüsse, entdecken ihren Willen. Vom Verstand her sind sie in ihrer Sicht noch egozentrisch, d.h. sie können erstmal nur ihre Sicht sehen, aber gerade dass sie beginnen, ihre Sicht zu entwickeln, ist der Entwicklungsschritt in dieser Lebensstufe. Um sich als eigenständige Person wahrnehmen zu können müssen sie lernen, sich zu distanzieren, sich von den Eltern, Erziehern etc., auf die sie bisher angewiesen war, zu lösen. Das Kind tut es, indem es „Nein“ sagt. Es spaltet seine Welt auf in gut und böse. Sätze wie „Du bist böse“ und „Geh weg“ sind Eltern wohl vertraut, damit beginnt das Kind zu differenzieren, dass Eltern nicht nur lieb sind, sondern auch böse werden können. Seine Weltsicht wird vielseitiger.

Um zu lernen, das die eigene Sicht nur eine mögliche ist, andere Vorgehensweisen sinnvoll sind, sind Strafen oder Schläge keine geeigneten Erziehungsmethoden. Wir sollten nicht mehr davon sprechen, den Trotz brechen zu müssen. Wollen wir wirklich einen Menschen mit gebrochenen Willen erziehen? Es geht eher darum, den Trotz einen Weg zu geben, bei dem das Kind lernen kann wie eigene und fremde Interessen sich miteinander vereinbaren lassen, oder, wenn es nicht geht, zumindest toleriert werden können. Durch unangemessenes Verhalten kann jedoch auch Trotzverhalten verfestigt und zu einem Problem werden.

 

Wie sollte nun auf „Trotz“ eingegangen werden?

 

  • Verabschieden Sie sich von der Vorstellung, daß Trotz gebrochen werden muß. Verstehen Sie die Handlung des Kindes nicht als dessen Bösartigkeit, sondern als Ausdruck seiner noch beschränkten Verstehenswelt und als nötigen Entwicklungsschritt zum Finden der eigenen Persönlichkeit.

  • Es ist immer noch besser Trotzanfälle vorzubeugen, als sie zu bestrafen.

  • In einer Studie untersuchte die Forscherin Frau Kemmler 500 sogenannte „Trotzkinder“ in der ersten Trotzphase. Bei allen außer einem einzigen Fall wurden die Trotzanfälle durch Anforderungen der Eltern ausgelöst. Durchqueren Sie die Pläne ihrer Kinder nicht unnötig oft, seien Sie auch bereit zu Kompromissen.

  • Fördern Sie das Ich-Bewußtsein und die Selbständigkeit des Kindes, geben Sie ihm Möglichkeiten und Freiraum sich zu erproben. Es wird dann u.a. ganz von alleine durch Ausprobieren in seinem Verhalten flexibler.
    Trotz kann auch beschrieben werden als eine Gegenreaktion auf eine Fremdkontrolle, als eine Art Gegenkontrolle. Es geht nun nicht darum die Gegenkontrolle zu brechen, sondern dem Kind zu ermöglichen, zur Selbstkontrolle zu gelangen.

  • Bieten Sie ihm bei Entscheidungsfragen Wahlmöglichkeiten an. Hierbei legen Sie die Wahlmöglichkeiten fest (bzw. legen Sie fest, in welche Bereich, das Kind selber Wahlmöglichkeiten finden kann), Sie bestimmen die äußeren Spielregeln, unter denen sich das Kind entscheiden kann.
    Wenn das Kind etwas Gefordertes nicht tun will, sagen Sie ihm die logischen Konsequenzen auf sein Handeln. Z.B.: „Wenn Du jetzt nicht essen willst, dann ist Dein Essen später kalt. Und ich werde es nicht mehr warm machen, weil ich keine Lust habe ständig am Herd zu stehen.“ Halten Sie einmal angekündigte logische Konsequenzen auch ein. Sie bieten dem Kind damit einen sicheren Rahmen, in dem es sich entscheiden lernen kann. (Übrigens eine Konsequenz ist nur logisch, wenn sie auch tatsächlich eine natürliche Konsequenz aus dem gegebenen Tun ist. Die Konsequenz „Wenn du jetzt nicht isst, gehst Du früher ins Bett“ ist nicht logisch sondern willkürlich festgesetzt.)

  • Geben Sie Orientierungshilfen. So können Sie durch Vorankündigungen helfen, dass das Kind lernt Zeit zu strukturieren. Hierzu möchte ich ein Beispiel aus der Praxis einer Erziehungsberatungsstelle kurz anreißen: Für ein Kindergartenkind, das als sehr aggressiv und hyperaktiv galt, war es z.B. sehr wichtig, dass ihm kurz vor einem von mir gewollten Ende einer Tätigkeit mitgeteilt wurde, dass es noch einen Moment Zeit (bzw. noch 5 Minuten Zeit)habe und dann eine neue Aufgabe oder ein neues Spiel käme usw. Das Kind konnte plötzlich ohne aggressive Ausbrüche auf neue Aufgaben umschalten und begann bald selber nach der Zeit zu fragen.

 

Wenn ich für Verständnis für trotzige Kinder auffordere, plädiere ich nicht für eine Grenzenlosigkeit oder für eine völlige Nachgiebigkeit. Kinder brauchen Grenzen. Sie bieten Halt und Sicherheit. Der Trotz kann auch als eine Art Halt und Richtschnur verstanden werden. Wenn das Kind Grenzen austestet, versucht es für sich selbst Punkte und Grenzen zu finden, vor allem dann verstärkt, wenn es sie von den Erwachsenen nicht bekommt. - So war es für das oben beschriebene hyperaktive Kind auch wichtig, daß die Erzieher aufgeweckt durch das Verhalten des Kindes und angeregt durch die Beratung, begannen, sich wieder mit ihm auseinanderzusetzen, ihm auch Anforderungen zu stellen und nicht, wie zuvor aus Angst vor seinen Ausbrüchen auszuweichen. - Aber Grenzen müssen nachvollziehbar und sinnvoll sein. Kinder brauchen Freiräume und Grenzen.