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Parteiliche Mädchenarbeit

Parteiliche Mädchenarbeit

 

 

Warum brauchen wir eigentlich eine speziell auf Mädchen ausgerichtete Jugendarbeit und Jugendhilfe?

Mancher, der hört, daß es spezielle Mädchenprojekte gibt, mag sich fragen: „Warum brauchen wir sie? Sind sie nicht ein Rückschritt in den Zeiten der Gleichberechtigung? Und wurde nicht die Koedukation, die gemischtgeschlechtliche Erziehung von Jungen und Mädchen, als wichtige Methode in die Pädagogik eingeführt?“

Es ist leider festzustellen, daß trotz der nicht weg zu diskutierenden Fortschritte im Bereich der Gleichberechtigung und der Chancengleichheit, noch immer in unserer Gesellschaft eine Orientierung an einer männlich geprägten Welt fortbesteht und es zu bewußter und unbewußter Benachteiligung von Mädchen und Frauen kommt. Mädchen und Jungen wachsen aufgrund ihres Geschlechts in anderen Sozialisationsbedingungen auf und erhalten dadurch unterschiedliche Zugangswege zur Welt.

Hierzu einige Beispiele:

  1. Mädchen und Frauen sind trotz gesetzlicher Gleichstellung in vielen Fällen gesellschaftlich benachteiligt.
    Als Beispiel hierfür möchte ich nur nennen, daß Mädchen trotz gleicher Leistungen schlechtere Chancen haben einen Ausbildungsplatz zu bekommen, Mädchen und Frauen überproportional von Arbeitslosigkeit betroffen sind, insgesamt in Berufen mit geringerer Lohnstruktur arbeiten und seltener in oberen Leitungsebenen im Berufsleben anzutreffen sind.

  2. Mädchen werden auch anders erzogen als Jungen: Auch hierzu einige Ausführungen:

  • Mädchen werden mehr für Wohlverhalten belohnt, Jungen mehr für Lebendigkeit.

  • Die Rollenerwartung an Jungen und Mädchen sind unterschiedlich. Mädchen werden mehr zu Kompromißfähigkeit und Nachgiebigkeit erzogen, Jungen mehr zu Durchsetzungskraft und Härte.

  • Mädchen müssen im Haushalt mehr mithelfen als Jungen und sie werden auch mehr zur Betreuung ihrer Geschwister eingesetzt als ihre Brüder. Sie lernen sich stärker für die Befriedigung der Interessen anderer verantwortlich zu fühlen. Mädchen haben insgesamt weniger frei verfügbare Zeit als Jungen. Und sie werden in ihrer Freizeitgestaltung mehr kontrolliert als Jungen. Sie müssen früher als Jungen zu Hause sein und genauer sagen, wohin sie gehen. usw.

  • Man kann weiter davon ausgehen, daß Mädchen nur ca. die Hälfte der Aufmerksamkeit erhalten, die Jungen bekommen. Jungen werden von Erwachsenen häufiger angesprochen, werden mehr gelobt, als auch getadelt, erhalten mehr Blickkontakte und räumliche Nähe mehr Rückfragen und Rückmeldungen, dies gilt sowohl für den schulischen wie außerschulischen Bereich (vgl. Spender 1984/85).

     3. Zum weiteren Mädchen machen spezielle traumatisierende Erfahrungen. Mädchen sind erheblich häufiger sexueller Gewalt ausgesetzt als Jungen

Die sexuelle Gewalt trifft Mädchen und Frauen unmittelbar in ihre sexuellen Identität, erniedrigt und verletzt sie in intimsten und zutiefst persönlichen Bereichen. Das Erleben sexueller Gewalt führt zu grundlegender Verunsicherung und Ängsten, zu Schuldgefühlen, Selbstablehnung und auffälligen Verhalten. Die Mädchen werden durch frühe sexuelle Gewalt in Lebenswege gezwungen, die sie für Männer verfügbar halten sollen. Und sexuelle Gewalt ist leider kein Randphänomen in unserer Gesellschaft und gehört damit als vermeintliche oder  erlebte Bedrohung zur Lebensrealität von Mädchen.

Aufgrund dieser und anderer Sozialisationsbedingungen und der erfahrenen Gewalt übernehmen viele Mädchen bevorzugt Rollen der Zurückhaltung, Anpassung und Passivität, während Jungen es gelernt haben, sich durchzusetzen, zu konkurrieren und aktiv zu sein. Oft wird „Weiblichkeit“ reduziert auf „für andere da sein“ und die eigenen Interessen und Bedürfnisse der Mädchen kommen zu kurz.

Die Realität der Benachteiligung und Unterdrückung von Mädchen konnten auch die Ansätze der Koedukation, der gemischtgeschlechtlichen Erziehung von Mädchen und Jungen, nicht aufbrechen oder verändern. Es muß vielmehr festgestellt werden, daß die gemischtgeschlechtliche Erziehung und Jugendarbeit in vielen Fällen jungenorientiert war und ist, und sich auch hier Jungen in ihrer (anerzogenen) Dominanz durchsetzen und Mädchen an den Rand gedrängt werden. Und auch Mädchen lassen sich - zur Passivität erzogen - in diese Rollen bringen oder nehmen sie „scheinbar“ freiwillig ein. Ausnahmen scheinen hierbei die sogenannten Power-Girls zu sein, wie z.B. die (Popgruppe) Spice Girls, die aber auch nur so als reine Mädchengruppe funktioniert.

Letztlich wurden auch in koedukativen Maßnahmen die Bedürfnisse und Problemlagen der Mädchen oft übersehen, weil sie weniger laut und auffallend geäußert wurden. Und immer wieder muß festgestellt werden Jugendarbeit ist oft Jungenarbeit. (vgl. 6.Jugendbericht der Bundesregierung 1984, Ergebnisse des Forschungsprojekt JULE 1)

Die Mädchen, die in dieser Sozialisation aufwachsen, nehmen sich dann häufig selber in ihren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen kaum noch bewußt wahr. Sie erwerben eine typisch weibliche Identität mit viel Anpassung und wenig Durchsetzungsvermögen, viel Fürsorglichkeit und wenig Ehrgeiz, viel Ängstlichkeit und wenig Sinn für Selbstdarstellung, viel Fleiß und Harmoniebedürfnis, viel Sinn für Ästhetik und Kultur und wenig technischem Verständnis. Die Mädchen haben - vor allem im öffentlichen Raum - oft zwischen zwei Übeln zu wählen: Für typisch männliches Verhalten werden sie sanktioniert, für typisch weibliches Verhalten abgewertet. Der scheinbare Ausweg besteht dann häufig in Passivität und Rückzug aus der Öffentlichkeit.

Im Extrem reagieren die Mädchen oft mit Überanpassung, Rückzug, selbstverletzendem Verhalten, z.T. auch auffälligem Verhalten u.v.m Diese Verhaltensweisen, so möchte ich betonen, sind die Lösungsstrategien der Mädchen, um sich in dieser für sie fremdbestimmten und gewaltorientierten Welt zurechtzufinden und zu überleben.

Um weg von den vorgegebenen Rollenstereotypien und benachteiligenden Sozialisationsbedingungen zu einem selbstbestimmten Lebensweg zu finden, brauchen die Mädchen in unserer männerorientierten Gesellschaft einen besonderen Schutzraum und Bestärkung.

An diesem Punkt setzt die parteiliche Mädchenarbeit ein. Sie bietet in speziellen Mädchenprojekten, in Mädchentreffs, Mädchenwohngruppen oder auch anderen Aktivitäten den Mädchen einen Schutzraum an, der frei ist von der Konkurrenz, Beobachtung und Leistungsdruck von Jungen, um den Mädchen zu helfen einen eigenständigen und selbstbestimmten Lebensweg zu finden.

In den speziell für Mädchen eingerichteten Projekten können Unterstützung und Hilfen oft schneller und zielgerichterer greifen. Das Forschungsprojekt JULE1 z.B. kam nach der Analyse von Jugendamtsakten im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit von stationären und teilstationären Hilfen zur Erziehung zu dem Ergebnis, daß (tendenziell) in geschlechtsdifferenziert arbeitenden Einrichtungen die Hilfen und Förderungen effektiver sind. (Aufgrund der geringen Fallzahlen der Studien, kann diese Feststellung jedoch bis jetzt nur als Tendenz und noch nicht als gesicherte Erkenntnis festgehalten werden.)

 

 

Was versteht man nun unter parteilicher Mädchenarbeit?

Die parteiliche Mädchenarbeit will dazu beitragen, daß Mädchen eigenständige Lebensformen und Zukunftsperspektiven entwickeln. Sie will helfen, daß die Mädchen praktisch - konkrete Verhaltensweisen erwerben und verwirklichen können.

 

Sie basiert auf den Prinzipien der Parteilichkeit und Autonomie und dem Bereithalten eines sicheren Beziehungsangebot und schützender Rahmenbedingungen.

Ich möchte die Prinzipien im folgenden kurz skizzieren

  • Zum Prinzip der Parteilichkeit

Der Begriff der Parteilichkeit bezeichnet die gewollte und offene Parteinahme für die Bedürfnisse und Interessen der Mädchen. Parteiliches Verhalten ist eindeutig, offen und bestätigend.

Die „PädagogInnen“ treten den Mädchen in einerverstehenden, annehmenden und wertschätzenden Haltung, gegenüber, ergreifen ihre Partei und nehmen sie in ihren jeweiligen Bedürfnissen und Problemlagen ernst.

Der Ausgangspunkt für die Arbeit ist es, die Einstellungen und Verhaltensweisen von Mädchen zu akzeptieren und vor allem den Mädchen zu glauben. Den Mädchen, die oft in ihren Bedürfnissen nicht gehört oder ernst genommen werden, wird nun Glauben geschenkt, wodurch die Mädchen auch den Glauben an sich selber wiedergewinnen können. Beim Schenken von Glauben geht es dabei nicht, wie vielfach falsch angenommen wird, um eine blauäugige Gutgläubigkeit, sondern darum, daß Mädchen in seiner jeweiligen Lebenswelt zu verstehen und auf seine Persönlichkeit und Entwicklungsmöglichkeit zu vertrauen.

Die Achtung für das Mädchen schließt weiter ein, daß es eine ganz andere Sichtweise als die Pädagogin haben kann, und erfährt, daß diese trotzdem auf ihrer Seite steht, daß die Parteilichkeit nicht auf Wohlverhalten und Anpassung beschränkt ist.

Neben der persönlichen Parteinahme für die Mädchen beinhaltet das Konzept der Parteilichkeit auch das öffentliche Eintreten für die Interessen von Mädchen und Frauen, das Aufdecken und Bekämpfen von geschlechtsspezifischen Stereotypien, Benachteiligung und Unterdrückung. Dabei möchte ich betonen, daß es nicht darum geht, nun gegen Jungen oder Männer als solches zu kämpfen, sondern daß Unterdrückungsmechanismen aufzuzeigen und zu bekämpfen sind, die sich - nebenbei gemerkt - nicht nur auf die Mädchen sondern auch in umgekehrter Richtung negativ auf die Entwicklung und Persönlichkeitsentfaltung von Jungen auswirkt.

  • Zum Prinzip der Autonomie und Selbststärkung,

Den Mädchen soll ermöglicht werden, zu einer autonomen und eigenverantwortlichen Lebensgestaltung zu finden. Die Pädagoginnen stehen hierzu den Mädchen schützend und stärkend zur Seite. Die Mädchen werden in ihren Wünschen und Entscheidungen ernst genommen, und immer wieder in ihrer eigenen Entscheidungsfähigkeit angefragt.

Bei der Gestaltung des eigenen Lebensentwurfes geht es nicht darum, die Mädchen umzuerziehen, zur „typischen Männlichkeit“ zu führen: nach dem Prinzip, wer schüchtern ist, muß nun forsch auftreten, wer gerne Friseuse werden will sich nun für KFZ-Mechanik interessieren usw. Die Unterstützung in einer autonomen Lebensgestaltung ist darin bemüht, Mädchen zu helfen, ihren eigenen Lebensentwurf, unabhängig von allen Typisierungen, Geschlechtsrollenerwartungen und Voranpassungen zu finden.

Aufdiesem Weg ist die Stärkung des Selbstvertrauen der Mädchen ein wichtiger Schritt. Mädchen werden auch darin unterstützt werden, in ihrem Lebensentwurf aktiv und durchsetzungsfähig sein zu können. Sie werden ermutigt, ihre individuellen rähigkeiten zu entwickeln. Wichtige Instrumente hierfür sind Freiräume und die Möglichkeit zum Experimentieren. Unterstützt werden diese Bemühungen durch differenzierte Freizeit- und Erlebnisangebote. - Ein wichtiger Punkt in dem Angebot für Mädchen ist auch - nebenbei gesagt - die Körperarbeit. Nur wem der eigene Körper etwas wert ist, kann ihn vor Ausbeutung und Abhängigkeit zu schützen. -

Weiter ist wichtig, die Mädchen zu ermutigen, neue Räume für sich zu erkunden und sich zu trauen, im öffentlichen Raum präsent zu sein, am öffentlichen Leben, aus dem sie sich oft schnell zurückziehen, teilzuhaben.

Autonomie beinhaltet auch sich abgrenzen zu können, Grenzen setzen und ertragen zu können. Für viele Mädchen, die massive Grenzverletzungen erleben mußten, geht es darum, daß sie nun ihre eigenen Grenzen finden können.

Soviel zum Prinzip der Autonomie und Selbststärkung. Vielleicht haben Sie bei der Beschreibung gedacht, wie soll ein Mädchen all diese hohen Ziele der Autonomie und Selbstbestimmtheit erreichen können? Autonomie und selbstbestimmte Lebensfindung ist nur dann gut möglich, wenn sich das Mädchen gehalten weiß. Daher ist daß Prinzip der Parteilichkeit als auch das sichrere Beziehungsangebot durch die ErzieherInnen als Ausgangspunkt für Entwicklung eminent wichtig.  

  

  • Angebot von tragfähigen Beziehungen

Mädchen, vor allem die selbst unsicher sind, haben ein starkes Bedürfnis nach Geborgenheit und emotionaler Sicherheit. Daher ist für sie das Angebot von tragfähigen und sicheren Beziehungen so wichtig. Sie ermöglichen es auch, daß gegenüber der vertrauten Person auch unverarbeitete Erlebnisse der Vergangenheit oder persönliche und intime Fragen angesprochen und bearbeitet werden können. Das Erleben von tragenden Beziehungen und geschütztem Raum ist für Opfer von körperlicher und sexueller Gewalt besonders wichtig. (stellt aber nicht die alleinige Legitimation für eine spezielle Mädchenarbeit da.)

In Mädchenprojekte können die Mädchen auch die Solidarität untereinander erfahren. Sie können erkennen, daß sie in ihrer Situation nicht alleine sind, daß es Möglichkeiten gibt, sich aus überstülpten Lebenskonzepten zu befreien und sie ein Recht haben sich gegen Gewalt zu wehren und sich für ihre eigene Interessen einzusetzen.

Um sich von vorgefertigten Mustern zu befreien, brauchen Mädchen oft starke Vorbilder, die helfen und sie darin unterstützen ihre „Eigen-sinn“ zu entdecken und einzubringen. Auch in diesem Sinn können die Pädagoginnen in der Arbeit mit Mädchen wirken, indem sie sich als Identifikationsfigur zur Verfügung stellen, aber auch akzeptieren, wenn die Mädchen für sich andere Lebensentwürfe finden.

Mädchengruppen stellen einen speziellen Lebens- und Lernort dar. Die Mädchen sollen hierbei nicht in reine Mädchenprojekte gezwungen werden, sondern sie sind - gemäß dem Prinzip der Selbstbestimmung - zu fragen, in welchen Lebensräumen - koedukativer oder mädchenorientierter Art - sie leben und sich entwickeln wollen. Hierbei ist auch zu sagen, daß Mädchenprojekte immer auch einen Übergangscharakter haben und in gewisser Weise vorläufig sind. Sie sind Inseln, auf denen die Mädchen zwar sich, aber nicht die diskriminierenden Rahmenbedingungen verändern können. Daher ist die politische und gesellschaftliche Parteinahme für die Mädchen, die Rahmenbedingungen verändern will, von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Die parteiliche Mädchenarbeit ist eine Herausforderung. Eine Herausforderung für die Mädchen, die Pädagoginnen und letztlich für die männlichkeitsdominierte Umwelt.