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Heilpädagogisches Modell von Haisch

Entwicklungsmodell von W. Haisch

 

Haisch hat ein ganzheitliches und heilpädagogisches Modell Entwicklung, des Lernens und des Lebens entworfen. Er hat sich dabei an die Theorie von Piaget angelehnt, diese aber weiter entwickelt und auf die Situation des geistig behinderten Menschen übertragen.

 

Haisch nimmt an, dass die Entwicklung des behinderten Menschen gegenüber dem "normal sich entwickelnden " Menschen verzögert oder stehen geblieben ist, die Entwicklung(-sabfolge) dagegen beim Kind und geistig behinderten Menschen qualitativ dieselbe ist.

Haisch beschreibt die Entwicklung des Menschen in den ersten Lebens-, bzw. Entwicklungsjahren als Abfolge von verschiedenen Entwicklungsebenen. Die Übergänge zwischen den Ebenen sind fließend. Die Menschen unterscheiden sich u.a. darin auf welchen Ebenen sie sich bevorzugt aufhalten und wie ausdifferenziert sie sind:

 

Haisch beschreibt folgende sechs Ebenen der menschlichen Entwicklung:

- Ebene des organismischen Lebens unter Erbkoordination

- Ebene der erregungsgeleiteten Selbstbewegung

- Ebene der effektgeleiteten Betätigung

- Ebene der gewohnheitsgeleiteten zum Betätigung

- Ebene des darstellungs- und modellgeleiteten Handelns

- Ebene des mitteilungs- und erfahrungsgeleiteten Handelns.

 

Bei den ersten drei Ebene der Entwicklung handelt es sich nach Haisch um eine Lebensform, die keine langen Geschichte besitzt. Der Mensch handelt aus dem Augenblick heraus, er ist ein Spontanist.

Die Unterhaltung auf dieser Ebene ist immer stereotyp. Sie lebt durch die Wiederholung. Unterschiede in den Unterhaltungsformen ergeben sich durch den Bildungsgrad des Menschen. Das Tanzen eines Walzers stellt z.B. eine gebildeter Bewegung als stereotypes Schaukeln dar. Beide Bewegungsformen dienen aber gleichermaßen der Unterhaltung des Menschen. Weitere Unterschiede in den in der Unterhaltung ergeben sich durch die Vielfalt der Unterhaltungsmöglichkeiten, die ein Mensch zur Verfügung hat, und seiner Möglichkeit sich mit dieser Vielfalt zu umgeben, das heißt der Möglichkeit seine Privatsphäre zu gestalten.

 

Handelt der Mensch auf den ersten drei Ebene an als spontan ist, befreit sich der Mensch auf den nächsten drei Ebenen von der Spontanität und im absoluten Verhaftetsein am unmittelbaren Vergnügen und der Sinnlichkeit durch die Bildung von Vorlieben und Routinen. Er wird zu einem geschichtlichen Wesen, einem Menschen mit Lerngeschichte. Um lebenspraktische Routinen erlernen zu können, bedarf es eines nüchteren und distanzierten Verhältnisses zu sich selbst. Dies wird über die Beziehung zu anderen Menschen erworben.

 

Exkurs:   Zusammenhang der Theorie von Haisch und Piaget:

Die ersten fünf Ebenen der Entwicklung werden gemäß der Theorie von Piaget als sensomotorisches Lernen bezeichnet. Weitere hier nicht näher beschriebenen Ebenen der Entwicklung stellen der Terminologie Haischs zufolge das erfahrungs- und standpunktgeleitete (mit den Denkoperationen: Zentrierung, Animismus, Artifizialismus, Egozentrismus) und die Stufe der konkreten Operationen (mit Operationen der : Klassenbildung, Klassifikation, Transformationen) dar. Piaget beschreibt ferner die Stufe der formalen Operationen (mit den Operationen: kombinatorisches abstraktes Denken, hypothetisch-deduktives Vorgehen, Erkennen der Gesetze der Reversibilität, Negation und Reziprozität).

 

Im Folgenden werden die verschiedenen Ebenen der Entwicklung kurz umrissen.

 

1. Organismisches Leben und Erbkoordination

Der Säugling ist nach der Geburt von seinem vegetativen Bedürfnissen voll in Anspruch genommen. Es sucht nach der Befriedigung seiner elementaren Bedürfnisse wie Nahrungsaufnahme, Schlafen, Stoffwechsel. Bei Darbietung von Reizmustern werden angeborene Auslösemechanismen aktiviert, die wiederum erbkoordinierte Aktionen (das heißt angeborene Reflexe) einleiten.

Piaget beschreibt dies am Verhalten seines Sohnes:

          Mit 0,0 (20) beißt er in die Brust, die man ihm 5 cm neben der Brustwarze dargeboten hat. Es saugt einen Augenblick lang an der Haut, lässt sie dann los, verschiebt seinen Mund um 2 cm und beginnt wiederum zu saugen, und sofort damit aufzuhören. Bei einem dieser Versuchung berührt er zufälligerweise die Brustwarze mit der Außenseite seine Lippen und erkennt sie nicht. Beim weiteren Suchen berührt er sie aber durch Zufall mit der Schleimhaut der Unterlippe (seinen Mund steht weit offen). Da bringt er seine Lippen sogleich in die richtige Stellung und beginnt zu saugen. (Piaget 1975)

(Auch die folgenden Beispiele sind Beobachtungen, die Piaget an seinen Kindern gemacht hat.)

 

Der Mensch ist zu dieser Zeit nicht an den Reizen selber interessiert, sie wirken lediglich für ihn als Auslöser. Nicht die Brust als solche ist interessant, sondern nur ihr Reizmuster, das den angeborenen Saugmechanismus auslöst.

Der Mensch übt sich in der Betätigung und Ausführung der Reflexe. Er wird dabei immer geschickter, so findet der Neugeborene mit der Zeit immer schneller die Brust der Mutter.

Die Mitarbeiter in Heimen und Horten können diese Lebensphase begleiteten, indem sie die Menschen, die in dieser Entwicklungsstufe leben, pflegenund beruhigen.

Leben ist auf dieser Ebene gleichbedeutend mit pflegebedürftig sein.

In der Pflege muss für die angemessene Umweltgegebenheiten gesorgt werden. So ist zum Beispiel auf Raum, Heizung, Belüftung, Beleuchtung, Lagerung, Schalldämmung und Kleidung zu achten. Ferner müssen zur Aufrechterhaltung der Stoffwechselprozesse Nahrung und Hygienemittel bereitgestellt werden. Entsprechend beinhaltet die Pflege Maßnahmen wie Füttern, Waschen, Trocken legen und Wickeln, Betten und Lagern. Mittels der Pflege wird die erbkoordinierte Sensomotorik wie Saug- und Greifreflexe aktiviert. Ein angemessener Umgang mit den betreuten Menschen, das so genannte Handling, beachtet und unterstützt die Reflexe ohne zu überfordern.

Pflege ist mehr als die Stillung von Grundbedürfnissen. Das Ergebnis einer guten Pflege und Selbstpflege ist das Wohlbefinden in einer hygienischen Umwelt.

Der Mensch zeigt in dieser Phase eine allgemeine, ungerichtete Aktivität, die nicht immer durch Gründe wie Hunger, Einnässen, Schmerz oder Kälte erklärt werden können. Die Aktivität kann bereits durch die inneren Körpervorgänge, die normalen Stoffwechselprozesse, hervorgerufen werden.

Als weitere Form des pädagogischen Umgangs ist daher die Beruhigung zu nennen. So nimmt eine Mutter ihr schreiendes Kind hoch, wenn es sich nicht durch Stillen, Trockenlegen o.ä. beruhigen lässt. Sie bringt damit das Kind in einer aufrechte Haltung, stimuliert seine Bewegung und gibt ihm Körperwärme und Körperkontakt. Das Kind erfährt, dass es gesorgt wird, es nichts zu befürchten braucht.

Die Anwesenheit der Betreuungsperson ist wichtig. Sie gibt dem betreuten Menschen die Sicherheit, dass jemand für ihn da ist. Ein erregter, schreiender Mensch, der Beruhigung nicht erfährt, wird daran gehindert, die beiden zentralen Lebensfunktion dieser Ebene - Nahrungsaufnahme und Schlafen - wahrzunehmen. Durch adäquate Pflege und Beruhigung kann der betreuende Mensch zu einer beruhigten Wachheit gelangen, die ihm die Basis dafür schafft, Aufmerksamkeit für anderes zu zeigen.

 

Zusammenfassung:

Die Ausgangslage auf dieser Ebene ist bestimmt durch die vegetativen Bedürfnisse des Menschen. Mittels Pflege und Beruhigung als pädagogische Maßnahmen kommt der Mensch zu einer Beruhigung, er fühlt sich wohl in seiner Haut und gelangt zu einer beruhigten Wachheit.

 

2. Erregungs geleitete Selbstbewegung

 

Im 2. und 3. Entwicklungsmonat macht die Sensomotorik eine tiefgreifende Entwicklung durch. Die frühkindlichen Reflexe und tonischen Haltemuster, die bisher Haltung und Bewegung stereotyp bestimmten, verlieren zusehends die Kontrolle über die Motorik und bilden sich zurück. Statt Massenbewegungen können Einzelbewegungen erfolgen. Es wird gelernt, Bewegungselemente auszugliedern, so dass die Einzelbewegung mit den für die jeweilige Situation notwendigen Kraftaufwand durchgeführt werden kann. Mitbewegungen werden zunehmend unterlassen, stattdessen finden Elementkoordinationen statt, das heißt Einzelbewegungen werden koordiniert. Der Mensch ist fähig geworden, Willkürbewegungen auszuführen.

Die Entwicklungsebene kann in verschiedenen Unterstufen aufgeteilt werden. Zu Beginn dieses Lernens wiederholt der Mensch erbkoordiniertes Verhalten.

                Mit 0,1 (5) beginnt Laurent zuerst damit, im Leerem zu saugen, ersetzt aber dieses Tun nach und nach durch das eben beschriebene Verhalten. Mit 0,1 (6) spielt er ganz offensichtlich mit seiner Zunge, in dem dabei die Unterlippe ableckt, bald die Zunge zwischen Lippen und Zahnfleisch schiebt. In den folgenden Tagen wiederholt sich dieses Vorgehen sehr häufig und wird jedesmal von einer Mimik der Zufriedenheit begleitet. (EIK 60)

 

Die in dem Beispiel geschilderte Bewegung dient nicht nur mehr dem biologischen Zweck der Nahrungsaufnahme. Sie wird auch nicht mehr durch äußere Reize ausgelöst. Der Saugreflex läuft quasi leer und ist dennoch Ursache für Freude und Befriedigung. Der Mensch bewegt sich um der Bewegung willen. Leben ist auf diese Entwicklungsebene gleichbedeutend mit Bewegung. Wenn der Mensch ruhig und wach ist, muss er sich bewegen.

Das erbkoordinierte Verhalten hat eine Art Anleiterfunktion. Es gibt Anregungen, die aufgenommen und selber ausgestaltet werden.

 

           Mit 0,1 (1) wird Laurent kurze Zeit vor der Mahlzeit vom Kindermädchen beinahe senkrecht gehalten. Er hat großen Hunger und sucht zu saugen, indem fortwährend den Mund öffnet und den Kopf hin und her dreht. Seine Ärmchen beschreiben dabei schnelle ausholende Bewegungen und stoßen sich immer wieder am Gesicht. Zweimal hintereinander, nachdem seine Hand einen Augenblick lang die rechte Wange berührt hat, dreht Laurent den Kopf und versucht, seine Finger mit dem Mund zu ergreifen. Das misslingt ihm das erste Mal, gelingt ihm aber beim zweiten Versuch. Doch sind die Armbewegungen nicht mit denen des Kopfes koordiniert, daher entweicht die Hand dem Zugriff wieder, während der Mund den Kontakt weiterhin aufrechtzuerhalten versucht. In der Folge erwischt er jedoch zufällig den Daumen. Daraufhin wird der ganze Körper unbeweglich, die rechte Hand hält den linken Arm, und die linke Hand bleibt am Mund. Solange Lauremnt an seinem linken Daumen lutscht, verharrt er ganz ruhig wie es sonst tut, wenn er mit Wohlbehagen und Leidenschaft (Keuchen usw.) an der Brust saugt. (EIK,61)

 

In diesem Beispiel entdeckt der Säugling gleichsam zufällig, aber doch durch den Saugreflex geleitet, seine Hand. Er lernt seine Bewegungen selbst zu koordinieren. Es entsteht damit findet die Möglichkeit zu Willkürmotorik und Willkürsensorik.

                 Luicienne scheint... mit den Augen die Bewegungen ihrer Hände zu verfolgen (der Blick senkt und hebt sich im korrekter Weise usw.), aber die Hände fügen sich nicht in die Grenzen des Sehbereiches ein. Der Gesichtssinn passt sich also den Bewegungen der Hände an, aber die umgekehrte Abhängigkeit ist noch nicht verwirklicht... Mit 0,2 (17) liegt sie auf dem Rücken, ihre rechte Hand ist ausgestreckt, und die Finger bewegen sich leicht. Sie betrachtet die Hand mit der größten Aufmerksamkeit und lächelt. Ein Augenblick später verliert sie die Hand aus dem Blick (die Hand hat sich gesenkt), hierauf sucht der Blick offensichtlich nach ihr, und als die Hand wieder aufsteigt, verfolgte sie zugleich...

Mittels der Rückkopplung zwischen Sensorik und Motorik wird zunehmend Kontrolle über die eigene Bewegung ausgeübt. Mit der Zeit lernt der Mensch, verschiedene seiner Bewegungen aufeinander abzustimmen, zum Beispiel die Augen - und Armbewegungen miteinander zu koordinieren. Die Fähigkeit zur Gruppenkoordination wird erworben.

 

Die Willkürbewegungen werden immer stärker koordiniert und differenziert. Allgemein erfolgte Differenzierung in folgende Richtungen:

- vom Kopf über den Rumpf zu den Gliedmaßen

- von der Grobmotorik nahe der Hauptachse des Körpers zur Feinmotorik der peripheren Muskeln

- Von der gemeinsam Aktivierung von Beuger und Strecker zum fortlaufenden Wechselt der Aktivierung von Beuger und Strecker (reziproke Innervation, wodurch unter anderem die Bewegungen fließender werden.

 

Als weitere Form der Koordination sind folgende Leistung zu nennen:

- bilaterale (zweiseitige), seitenverschiedene Koordination (z.B. bei Vorwärtsbewegung des rechten Arm geht der linke Arm nach hinten): Seitenkoordination

- Koordination der Stützmotorik mit der Motorik oberen Extremitäten: Stützkoordination

 

Der Mensch steuert sich in der willkürlichen Koordination nicht nur selber, er lebt sich selbst als Ganzes. Er erlebt und entdeckt sich selbst. Damit ist ihm die Möglichkeit gegeben, sein Körperschema und Bewegungsgefühl zu entwickeln. Er entdeckt die Lage seiner Körperteile im Verhältnis zu Schwerkraft. Er lernt seinen eigenen Rhythmus kennen.

 

Eine Begleitung für einen Menschen, die auf dieser Ebene lebt, erfolgt über Selbstbewegung und Anregung. Da für den betreuten Menschen jetzt noch nebensächlich ist, woher der Anstoß zur Bewegung kommt, kann die betreuende Person im Eindrücke vermitteln, die seinem Geschmack entsprechen, aber von ihm selber noch nicht entdeckt werden können. Beispiele für Form der Bewegungsanregungen sind: einzelne Körperteile bewegen, Kitzeln, an den Füßen ziehen, auf die Nase tippen, den ganzen Körper schütteln, die Schwerkraft spüren lassen durch Schaukeln,Kippen, Fallen lassen. Ferner werden sich die Techniken von VOJTA und BOBATH Bewegungen angeregt. Eine "Verführung" zu Aktivität kann zudem über Entspannung erfolgen. Oft können auch Bewegung durch anregendes sprechen (wie dem " Babytalk") angestoßen werden.

 

Voraussetzung für eine Anregung ist die beruhigte Wachheit des Menschen. Erfolg die Bewegunganregung nicht in einer ruhigen Atmosphäre, wird sich zu heftig bewegt oder zu laut gesprochen, kann der betreute Mensch erschrecken, und ist dadurch nicht in der Lage, die Bewegung wahrzunehmen und zu verarbeiten.

 

Geistig behinderte Menschen bewegen sich in der Regel seltener als nichtbehinderte Kinder der gleichen Entwicklungsebene. Erfahren die behinderten Menschen keine Anregung, besteht die Gefahr, dass sie immer wieder die gleichen Bewegungen ausführen und damit (Bewegungs-) Stereotypien ausbilden. Die Bewegungsstereotypie ist eine ungerichtete Bewegung. Sie unterhält durch ihre Wiederholung. Stereotypien treten regelmäßig in Situationen der Regression auf, in denen der Mensch auf sich selbst zurück geworfen ist. Däumchendrehen oder Wippen mit dem Fuß in langweiligen Situation sind hierfür bekannte Beispiele. Der Mensch ist in diesen Zeiten der Regression wach und unbeschäftigt und verfolgt keine Ziele.

Wenn ein Mensch auf diese stereotype Form der Unterhaltung zurückverwiesen ist, bestehen seine Gestaltungsmöglichkeiten in der Rhythmisierung der Bewegung oder in der Intensivierung des Selbstbewegung. Im Extrem wird die gesteigerte Selbstbewegung zur Selbstverletzung.

Die Lebenssituation sich selbst verletzender Menschen ist nach Haisch dadurch gekennzeichnet,

-dass der Mensch wach, aber nicht beschäftigt ist,

- dass er keine Bildung von Bewegung und Geschmack entwickelt hat,

-dass er keine Ziele und Zwecke verfolgt,

-und dass er keine Rolle in seinem Lebensbereich spielt.

 

Eine fördernde Begleitung dieser Menschen geschieht - je nach Entwicklungsebenen, in der sie bevorzugt leben

-in der Bildung der Bewegungen bei Bewegungsfreude (Ebene der erregungsgeleiteten Selbstbewegung)

- In der Anleitung zu vielfältigen Formen der Betätigung sowie zu Effektspielen (Ebene effektgeleiteten Betätigung)

- sowie im Eröffnen der sozialen Ebene durch einen spielerischen Umgang mit Menschen, insbesondere der Lieblingsperson (Ebene der gewohnheitsgeleiteten Betätigung).

 

Zusammenfassung:

Die Ausgangslage ist bestimmt durch Massenbewegungen. Mittels der Anregung der Bewegungsfreude werden gezielte, koordinierte Bewegung gelangt und dadurch ein Bewegungsgefühl erworben.

 

 

3. effektgeleiteten Betätigung

 

Auf der Ebene der effektgeleiteten Betätigung agiert der Mensch, um interessante Erscheinungen andauern zu lassen. Das Interesse liegt nicht mehr in der Bewegung selber sondern in den Effekten, die durch die Bewegungen verursacht. Neben der Selbstbewegung bedeutet Wachsein in dieser Phase sich zu betätigen, d.h. in dieser Ebene sich durch sinnliche Reize (wie Licht, Geräusche, Tastempfindung) zu unterhalten und die Effekte zu genießen

Voraussetzung für diese effektgeleiteten Betätigung ist, dass die Menschen der eigenen Körper und seine Bewegungsfähigkeit vertraut wurde und er ein Bewegungsgefühl erwarb. Ist dies nicht geschehen, ist er zu sehr vom Interesse an der Selbstbewegung befangen (das heißt lebt in der Ebene erregungsgeleiteten Selbstbewegung) und er kann nicht auf die Effekte seiner Bewegung achten.

 

Mit 0,3 (5) versetzt Lucienne ihren Wagen in Bewegung, indem sie heftig mit den Beinen strampelt, wobei auch die am Dach aufgehängten Stoffpuppen zu schwanken beginnen. Lucienne betrachtet sie lächelnd und beginnt sogleich von Neuem.

 

Die Effekte erzeugenden Bewegungen (hier die Bewegung der Puppe durch Schaukeln) werden später wiederholt, um andere Effekte zu bewirken (z.B. die Annäherung des Vaters). Der Mensch hält sich noch für den Verursacher allen Geschehens. Er denkt, dass er allein mit seinem Bewegungsimpuls alle Effekte erzeugen kann. Er beachtet somit weder den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung noch die äußere Situation (der Vater kommt auf das Schaukeln nur, wenn er im Raum ist und das Schaukeln bemerkt).

Da der Mensch erfährt, dass er nicht jeden Effekt hervor zaubern kann, lernt er das Eigenleben der Dinge kennen. Er lernt, dass er die Dinge " nicht so in der Hand hat " wie die eigenen Bewegungen, aber dennoch auslösen kann.

 

Eine neue im Empfindungsqualität taucht auf: Der Mensch ist fasziniert oder befangen in dem Versuch angenehm Erlebtes wieder hervorzurufen. Das Gefühl der Freude entsteht bei Erfolg, Ernsthaftigkeit bei der Bewegungsdurchführung und Frustration bei Misserfolg.

Der Mensch lebt Töne noch aus dem Augenblicke aus. Er vergisst die Empfindung schnell, wenn der Reiz nicht mehr gegenwärtig ist. Von sich aus würde er kaum Kontakt mit dem Gegenstand suchen, um den gewünschten Effekt zu erzeugen.

Mit der Zeit lernt er jedoch, angenehme Effekte zu wiederholen und unangenehme Effekte nicht mehr auszulösen. Es werden bleibende Eigenschaften von Gegenständen und Erscheinungen erkannt. Vertrautheit entsteht. Der Mensch beginnt, seinen Geschmack auszubilden und lässt Angenehmes andauern.

Die Befangenheit und Faszination in den Sinnesempfindungen, im Fühlen, im Annehmen und Ablehnen, im Selbstgefühl und im Handeln aus dem Gefühl führt zu der Bereitschaft, sich selbst aktiv zu unterhalten.

 

Je vertrauter der Umgang mit den Effekten wird und eine Gewöhnung an sie eintritt, desto weniger fühlt sich der Mensch durch die Effekte befangen oder fasziniert. Letztendlich ist er in der Lage, sie beiseite zu legen und sich anderen, neuen Effekten und Reizen zuzuwenden. Um sich Neuem zuwenden zu können, muss sich der Mensch jedoch dem Gewohnten sicher sein. Er muss wissen, dass er jederzeit Zugriff auf die vertrauten Effekte hat. Fehlt das Gewohnte und Vertraute, wird der Mensch unruhig. Er ist nicht mehr offen und lernfähig. Der Mensch ist stärker an seine gewohnte Pflegeperson gebunden als in den früheren Entwicklungsphasen. Dies drückt sich zum Beispiel im Fremdeln gegenüber der nicht gewohnten Person aus.

Der Mensch entwickelt sein Gefühl (weiter) für das, was ihm gefällt, und ihn im Alltag umgeben soll. Er entwickelt und differenziert seinen Geschmack im Umgang mit Dingen, Situationen und Personen. Das Leben in einer individuellen Umgebung und nach dem persönlichen Geschmack führt zu dem Gefühl, zu Hause zu sein und Geschmack zu haben.

 

Eine Begleitung des betreuten Menschen geschieht in dieser Phase durch Anleitung. Sie kann sensorisch sein, in der Produktion von Effekten (Vormachen), oder motorisch im direkten Führen (Prompting). Alle Anleitung muss für den Menschen unterhaltend sein. Um den betreuten Menschen dann möglichst nicht mit der eigenen Person abzulenken, sollte der Betreuer beim Anleiten der Bewegung hinter dem betreuten Menschen stehen.

 

Fehlt einem geistig behinderten Menschen (erregungsgeleitete) Anregung, lernt er oft nur eingeschränkte Betätigungsfelder kennen. Von sich aus wechselt er wenig ab, und so besteht die Gefahr, dass sich (Effekt-) Stereotypien ausbilden können. Da er sich aber an die Effekte der Stereotypien gewöhnt, so dass die bewirkten Empfindungen schwächer werden, verstärkt er oft sein stereotypes Verhalten, um die Empfindungsqualität erneut zu intensivieren. Es entsteht eine Art Suchtverhalten. Die Stereotypien werden immer ausgedehnter, schneller und stärker. Im Extremfall können auch hier Stereotypien den Charakter von selbstverletzendem Verhalten annehmen.

 

Autistisches Verhalten ist - nach Haisch - gekennzeichnet durch effektgeleitete Betätigung. Soziale Beziehungen werden vermieden oder abgewiesen. Der andere Mensch ist nur insoweit interessant, wie er als Mittler zu Erreichung eines Ziels benutzt werden kann. Der autistische Mensch spielt seine Spiele, die für den Außenstehenden oft schwer verstehbar sind. Er hat einen ganz spezifischen Geschmack entwickelt.

 

Zusammenfassung:

Am Anfang stehen die zufällig entdeckten Effekte. Durch eine Anleitung zu Unterhaltung lernt der Mensch Effekte hervorzubringen, so dass ein Vertrauter und verfügbare Umgang (Gewöhnung) mit ihnen entsteht auf dieser Grundlage ist den Menschen möglich, seinen Geschmack zu gelten.

 

4. Gewohnheitsgeleitete Betätigung

 

Ein Mensch, der Geschmack ausgebildet hat, kann wählen, bevorzugen und ablehnen. Er entwickelt Vorliebe. Er wählt Lieblingsspiele, Lieblingsspeisen, Lieblingspersonen usw... Der nächste Entwicklungsschritt, der Übergang vom reinen Spontanist, der nur etwas tut das ihm unmittelbar Freude bereitet, zu einem Wesen mit Lerngeschichte, das routinemäßig handeln kann, ergibt sich aus dem Interesse am Umgang mit anderen Menschen. Der soziale Umgang wird zur Vorliebe. Der andern der Mensch findet Vorlieben im andern wieder. Kann der andere Spiele anbieten, die interessanter sind als die eigenen, wird der andere zum Zuschauer, zum Anfeuerer, zum Fan eines von ihnen zum Star gekürten Gegenüber. Der Mensch lernt zu unterscheiden und zu differenzieren zwischen dem eigenen Spiel und dem Spiel des andern und tritt damit in Differenz zu selbst. Mit dem Bewusstsein der Differenz entwickelt sich der Wunsch, aufzuholen, dem Star gleich zu werden. Bei dem Menschen entsteht das Bedürfnis mitzumachen, d.h. berücksichtigt und beteiligt zu werden. Er ist interessiert am Lernen und bereit lebenspraktische Fertigkeiten zu erwerben.

 

Voraussetzung für die Durchführung lebenspraktische Routinen ist, dass der Mensch Geschmack gebildet hat, effektgeleitete Betätigung gelernt und als Verhaltensmustern gespeichert hat (sekundärer Verhaltenschemata). Die als Verhaltensschemata gespeicherten Betätigungen können immer automatischer ausgeführt werden, so dass sie mit anderen Verhaltensmuster koordiniert und auf neue Situationen angewendet werden können.

 

          Mit 0,7 (13) reagiert Laurent endlich anderes, und zwar beinahe von Anfang des Versuchs an. Ich biete ihm eine Zündholzschachtel auf meiner Handfläche an, aber ganz hinten, so dass er sie nicht erreichen kann, ohne das Hindernis der Finger zu beseitigen. Zuerst versuchte Laurent über die Fehler hinweg zu gelangen, dann aber beginnt er ganz plötzlich auf meine Hand einzuschlagen, wie um sie zu entfernen oder zu senken. Ich lasse es geschehen und er ergreift die Schachtel. - Ich baue nun mit einem Kissen ein Hindernis, das ziemlich weich ist und die Eindrücke der kindlichen Schläge bewahrt. Laurent versucht zugleich, an die Schachtel zu gelangen, wird aber durch das Hindernis behindert. Sogleich schlägt er darauf ein und drückt es so weiter runter, bis ihm der Weg freisteht...

 

Wenn Bewegungen automatisch ablaufen, können sie als Mittel eingesetzt werden, andere Ziele zu erreichen. In dem Beispiel wurde die Bewegung "Schlagen" als Mittel eingesetzt, um an die Schachtel zu kommen. Der Mensch lernt also Ziel und Mittel zu unterscheiden. Die erworbenen Mittel-Ziel-Schemata werden geübt, und wenn sich an sie gewöhnt wurde, sie automatisiert sind, können Sie in weitere Handlungsmuster eingebaut werden. Es entstehen Hierachien von Handlungsketten. Eine Zielkoordination findet statt. Der Mensch hat gelernt von begleitenden Reizen abzusehen, an die es sich gewöhnt hat. Er kann auswählen, welchen Reizen er sich zuwenden will. Er konzentriert sich.

 

Begleitung geschieht in dieser Phase durch Mitspielen. Hat der Betreuer in der vorherigen Phase angeregt und angeleitet, wird er nun zum Spielpartner. Er ist gefordert, das zu tun, was der Lernende selbst tut, dessen Vorlieben und Lieblingsspiele vor- und mitzuspielen. Der Mensch wird unterstützt, seine Vorlieben zu entdecken und damit zwischen für ihn Angenehmen und Unangenehmen zu wählen. Der Betreuer wird zum Spiegelbild des lernenden Menschen. Dadurch kann dieser lernen, wie seine Bewegungen, die er gerade ausführt, aussehen. Es entstehen Dialoge zwischen den Spielpartnern.

 

5 Stunden später schlage ich mit meiner Hand auf das Federbett. Jacqueline schaut mir zu und imitiert mich, wenn ich aufhöre. Wenn ich wieder beginne, hört sie auf und so weiter: Sie will mich also offensichtlich nur zum Weitermachen bewegen...

 

Die Lebenswelt des Menschen ist nach seinen Vorlieben zu gestalten und so einzurichten, dass seine erlernten Fertigkeiten routiniert ausüben kann. Bedeutsam ist hierfür eine möglichst hohe Beständigikeit der dinglichen und personellen Lebenswelt.

 

Wenn der Mensch eine Lebenswelt vorfindet, in der die selbstverständliche Realisierung seiner Vorliebe nicht sichergestellt ist, in der Wahl und Individualität nicht ausreichend gewährleistet werden, meidet er die Ebene der Gewohnheits geleiteten Betätigung, und fällt in Bewegungs-, Effektstereotypen zurück oder er sieht sich genötigt, dauerhaft zu protestieren, mit dem Ziel Berücksichtigung zu finden. Er drängt sich zur Geltung und macht auf sich aufmerksam, indem er sich hilflos zeigt, indem er sich auffällig verhält oder indem er - blind den Anweisungen gehorchend - sich nützlich macht.

 

Zusammenfassung:

Der Mensch pflegt seine Vorlieben. Durch das Mitspielen des andern, der Lieblingspiele/Vorlieben noch interessanter gestaltet, als man selber es kann, lernt man Fertigkeit zu erwerben und in der routinemäßigen Bewältigung der Lebenspraxis einzusetzen.

 

5. Darstellungs- und modellgeleitetes Handeln

 

Durch Übung wurden aus den Lieblingsgewohnheiten Fertigkeiten. Der Mensch versucht nun, neue Eigenschaften des Gegenstandes zu entdecken, indem er verschiedene gelernte Fertigkeiten auf einen Gegenstand anwendet. War das Neue zuvor erschreckend, wird es nun interessant. Der Mensch experimentiert. Das Experiment ist noch nicht zielgerichtet. Aus ihm erwachsen eine Vielfalt von Erfahrungen und das Interesse, sie zu wiederholen.

 

             Mit 0,10 (11) liegt Laurent auf dem Rücken, nimmt aber nichtdestoweniger seine Versuche vom Vortag wieder auf. Er ergreift nacheinander einen Schwan aus Zelluloid, eine Schachtel usw., streckt den Arm aus und lässt sie fallen. Dabei variiert er ganz deutlich die Fallstellungen. Bald streckt er den Arm senkrecht hoch, bald hält er ihn schräg nach vorn oder nach hinten (relativ zu den Augen) usw. Wenn der Gegenstand auf einen neuen Platz fällt (z.B. auf das Kopfkissen), lässt er ihn zweimal oder dreimal hintereinander auf diesen Ort fallen, wie um diese spezielle Relation genau zu studieren; dann verändert er die Situation. Einmal landet der Schwan auch mal bei seinem Mund. Er beginnt jedoch nicht etwa daran zu lutschen (obwohl der Gegenstand für gewöhnlich diesem Zweck dient), sondern lässt ihn dreimal auf dieser Bahn herunterfallen, wobei er nur undeutlich die Geste des Mundöffnens andeutet.

 

Der Mensch probiert aus. Er lernt Mittel zur Erreichung seines Ziels einzusetzen, die er zuvor nicht kannte. Verhalten wird unmittelbar an die sich verändernde Situation angepasst.

Der Mensch bedarf nicht mehr der sinnlichen Gegenwart der Effekte. Es reicht eine Handlung anzudeuten, sie darzustellen (zu symbolisieren), wie es hier im Beispiel mit dem Lutschen geschieht. Symbolspiel, die Betrachtung von Fiktivem, wird möglich. Im Spiel kann ein Bauklotz zu einem Auto werden. Jetzt (erst) - nach Haisch - alles was der Mensch tut, persönlicher Ausdruck. Der Mensch ist nun in der Lage sich mitzuteilen, er gestaltet.

 

Der Betreuer unterstützt den lernenden Menschen, indem er ihm die verschiedensten Materialien für sein Experiment bereit stellt, so dass der Lernende seine Freude am Gestalten ausleben kann. Auch hilft der Betreuer bei der Verwirklichung von Ideen und Vorlagen, die der betreute Mensch alleine nicht realisieren kann.

Aufgabe des Betreuers ist das ferner Modell zu sein. Hatte zuvor der Mensch das Spiel bestimmt und war Modell, wird nun der Betreuer zum Modell und vom lernenden Menschen nachgeahmt.

 

Mit 1,0 (16) schließlich entdeckt J. ihre Stirn: Als ich die Mitte meiner Stamm berühre, reiht sie sich zunächst das Auge, sucht dann darüber und berührt ihre Haare; danach schiebt sie ihre Hand ein wenig herunter und drückt schließlich ihren Finger auf ihrer Stirn. An den folgenden Tagen gelingt es ihr von Anfang an, diese Bewegung zu imitieren, und lokalisiert selbst mehr oder weniger genau die Regionen der Stirn in Anlehnung an das Vorbild.

 

Zusammenfassung:

Der Mensch experimentiert. Dadurch dass der Betreuer ihm zum Modell wird, wird ihm die Produktion, d.h. die Reproduktion seines Vorbilds, möglich. Der Mensch findet zu seinem eigenen Stil, zu seinem persönlichen Ausdruck.

6. Mitteilungs- und Erfahrungsgeleitetes Handeln

 

Im Interesse des Menschen am Symbolspiel zeigt sich das Bedürfnis sich auszudrücken. Durch das Spiel hat der Mensch vor Augen, was er fühlt und erlebt und zugleich wird es für den andern nachvollziehbar(er).

 

Wenn das Interesse an der darstellungsgeleiteten Tätigkeit zurücktritt oder die Gestaltung des Produktes (die äußere Erscheinung des Verhaltens), die zum Symbolspiel anregt, an Bedeutung verliert, kann die darstellungsgeleitete Tätigkeit zur Gestik verkürzt werden: Das Strecken des Armes in die Richtung eines Gegenstandes zeigt dann z.B. den Wunsch an, diesen Gegenstand zu besitzen. Mit der Verkürzung der darstellungsgeleiteten Tätigkeit zu Gestik wird die Tätigkeit selbst ihrer ursprünglichen Funktion beraubt, sie wird zum Bedeutungsträger. /p>

Durch die ´symbolische Gestik´ können nur relativ konkrete, anschauliche Dinge und Vorgänge dargestellt werden. In der Gestik und Mimik kann nur direkt Erfahrbares dargestellt werden; Verallgemeinerungen, Begründungen Schlussfolgerungen lassen sich damit nicht mitteilen.

 

Durch Entwicklung der gestalterischen Möglichkeiten in der Nachahmung, im Symbolspiel und in der Gestik und Mimik erwirbt der Mensch die Fähigkeit zu aktiven Rekonstruktion eines inneren Bildes, er erwirbt die Fähigkeit zur Vorstellung. Die Vorstellung ist kein passiver Akt, keine Kopie des "Wirklichen ". Je nach Fähigkeit werden die Wahrnehmungsbilder unterschiedlich gut reproduziert. Die Möglichkeit Erfahrenes wiederzugeben richtet sich nach Entwicklungsebenen des Menschen. So können z.B. Kinder im Alter von sieben Jahren einen Würfel in der Regel nicht perspektivisch zeichnen.

Durch die Vorstellung hat der Mensch nun die eigene Absicht in der Gestik sinnlich vor Augen. Auch die Gestik ist keine Kopie, kein stellvertretendes Handeln mehr sondern wird pure Willensbekundung. Die Ähnlichkeit Symbols mit dem Symbolisierten kann verschwinden. Das Symbol ist beliebig gestaltbar geworden, es wird zum Zeichen. Lautsprache ist möglich.

 

Um jedoch von dem andern verstanden zu werden, müssen Vereinbarungen (Konventionen) über den Bedeutungsgehalt getroffen werden. Solche Konventionen lernt der Mensch insbesondere für seine Lautäußerungen, indem er konventionelle Lautzeichen imitiert und sie gewohnheitsmäßig mit der entsprechenden Sachverhalten, die er mitteilen will, verknüpfen lernt.

 

Der Mensch tritt in dieser Phase auf dem alleinigen Lernen durch Versuch und Irrtum heraus. Durch Überlegungen und Planungen können Lösungen gefunden werden. Das Denken in dieser Phase ist konkret anschaulich; bildliche Vorstellungen herrschen vor.

 

Der Betreuer begleitet diesen Lernprozess, indem er konkretes Geschehen und Objekte bezeichnet, um den anderen Menschen die Möglichkeit zu geben, die sprachlichen Begriffe zu lernen. Mit dieser Sprache können Erlebnisse und Erkenntnisse mitgeteilt werden, die der Mensch nicht selbst erfahren haben muss. Der Betreuer begründet ferner Verhalten und Ereignis. Er hört dem lernenden Menschen mit zu und diskutiert mit ihm. Er bereit und unterstützte den Menschen bei der Gestaltung seiner Lebensvollzüge. Der betreute Mensch erhält die Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu fällen und zu lernen, kompetent und selbst verantwortlich in seinem Lebensbereich mit zu arbeiten und mitzubestimmen. Ferner ist dem Menschen Kontakt nach außen zu ermöglichen.

 

Gedanken zum Ausklang: Selbstverständnis des heilpädagogischen Entwicklungsmodells

Im heilpädagogischen Modell von Haisch werden verschiedene Ebenen der Entwicklung dargestellt. Die Beschreibung der Ebenen ist sie nicht als Bewertung der verschiedenen Erlebens- und Handlungsweisen zu verstehen. Die Darstellung zum Beispiel, dass die Pflege in einer früheren Ebene auftaucht als die Gestaltung, soll nicht nahe legen, dass Pflege minderwertig und Gestaltung höherwertig einzuordnen ist. Das Modell ist somit abzugrenzen von den Theorien der sog. "WeiterbringPädagogik ". Ziel ist es nicht den betreuten Menschen durch pädagogisches Eingreifen auf eine höhere Stufe der Entwicklung zu befördern, sondern das Modell möchte beschreiben, in welcher Lebenswelt der Menschen bevorzugt lebt und welche Möglichkeiten es gibt, seine Erfahrungswelt entsprechend dieser Lebens- und Entwicklungsebenen anzureichern.

Zur Überprüfung der Lebensstufen und hilfreicher pädagogischer Begleitung und Betreuungsbedarf wurde von Haisch auch der Fragebogen zur Lebensform betreuter Menschen (FLB) entwickelt.

 

U.Z. 18.5.93

 

 

Das Heilpädadgogische Modell nach Haisch

 

Ausgangslage

über (hilfreiche päda­gogische Begleitung)

zu (Ergebnis)

Stufe

1.

organismisches Leben

und Erbkoordination

 

Vegetative Bedürfnisse

Pflege /Beruhigung

Befriedigung, Zufriedenheit

Beruhigte Wachheit

2.

Erregungsgeleitete

Selbstbewegung

 

Massenbewegung

Anregung der Bewegungsfreude

locker gelöste gezielt koordinierte Bewegung

Bewegungsgefühl

3.

Effektgeleitete

Betätigung

 

Zufälligkeit entdeckter Effekte

Anleitung zur Unterhaltung

vertrauter verfügbarer Umgang

Geschmacksbildung

4.

gewohnheitsgeleitete

Betätigung

 

Vorliebe pflegen

Mitspielen

Fertigkeit

routinemäßige Bewältigung der Lebenspraxis

5.

darstellungsgeleitetes

Handeln

 

experimentieren

Modell sein

Produzieren

Ausdruck

6.

mitteilungsgeleitetes

Handeln

 

benennen, beschreiben

zuhören, mit diskutieren

entscheiden, mitbestimmen

Vorstellung

 

 

Literatur:

 

Haisch, W. 1998 Kognition dargestellt an der Entwicklung der sensomotorischen Intelligenz. Aus Schermer, F.J. (Ed.) Einführung in Grundlagen der Psychologie. Arusin Verlag Würzburg, Seite 13 - 71

 

Haisch, W. 1999 Planung und klären. Arbeitspapier für die Ausbildung zu Praxis Begleiter

 

Haisch, W. Pädagogische Grundlagen der Betreuung behinderter Menschen, Arbeitsverkehr

 

Piaget, J. 1975, Das Erwachen der Intelligenz beim Kinde. Gesammelte Werke 1 Klett Stuttgart

 

Schumm, H. 1991 Lebensqualität in sozialen Einrichtungen. Aus Grampp (Ed.) Ausbildung für die Zukunft. Eigenverlag der evangelischen Fachschule für Heilerziehungspflege Schwäbisch Hall, Seite 95-115